STUDIO CORINNA HEUSEL

Vom Neuen Bauen zur Neuroaesthetik

Wie sich unser Verständnis von Gestaltung verändert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand mit dem Bauhaus eine radikale Idee: Gestaltung sollte das Leben verbessern. Architektur, Möbel, Typografie und…

Konzept-Visualisierung (KI)

Wie sich unser Verständnis von Gestaltung verändert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand mit dem Bauhaus eine radikale Idee: Gestaltung sollte das Leben verbessern. Architektur, Möbel, Typografie und Alltagsgegenstände wurden nicht länger als Dekoration verstanden, sondern als Werkzeuge für eine neue Gesellschaft. Die Devise lautete: Form folgt Funktion.

Die Moderne suchte nach Klarheit. Räume sollten effizient sein, Gegenstände zweckmäßig und Strukturen nachvollziehbar. Vieles von dem, was heute selbstverständlich erscheint, geht auf diese Denkweise zurück. Das Bauhaus prägte die Vorstellung, dass Gestaltung mehr sein kann als Verschönerung – nämlich eine aktive Kraft, die den Alltag beeinflusst.

Auch in der Architektur stand die Funktion im Mittelpunkt. Le Corbusier bezeichnete das Haus als „Maschine zum Wohnen“. Der Raum wurde vor allem als Rahmen für menschliche Aktivitäten verstanden – als etwas, das bestimmte Abläufe ermöglicht und organisiert.

Ein Jahrhundert später erweitert sich diese Perspektive.

Während sich die Moderne vor allem mit der Funktion von Dingen beschäftigte, richtet sich der Blick heute zunehmend auf ihre Wirkung. Nicht nur die Frage „Wozu dient etwas?“ wird relevant, sondern auch: „Wie wirkt es auf den Menschen?“

Hier kommt ein junges Forschungsfeld ins Spiel: die Neuroästhetik.

Neuroästhetik untersucht, wie Formen, Farben, Materialien, Muster und räumliche Strukturen auf Gehirn und Nervensystem wirken. Sie beschäftigt sich mit der Frage, warum bestimmte Umgebungen als angenehm empfunden werden, während andere Unruhe auslösen. Warum manche Räume Konzentration fördern und andere ermüden. Und warum Menschen sich von bestimmten Proportionen, Rhythmen oder natürlichen Formen angezogen fühlen.

Die Erkenntnisse legen nahe, dass Gestaltung nicht nur die Wahrnehmung beeinflusst, sondern auch Aufmerksamkeit, Orientierung und Wohlbefinden.

Dadurch verschiebt sich das Verständnis von Design ein Stück weit.

Ein Raum wird nicht mehr ausschließlich als funktionaler Behälter für Aktivitäten betrachtet. Licht, Materialität, Akustik, Wiederholung und Proportion werden zunehmend als Faktoren verstanden, die das Erleben eines Ortes mitprägen.

In gewisser Weise ergänzt die Neuroästhetik damit einige der Fragen, die die Moderne gestellt hat. Wenn das 20. Jahrhundert vor allem untersuchte, wie Räume funktionieren, interessiert sich das 21. Jahrhundert zunehmend dafür, wie sie sich anfühlen.

Beides schließt sich nicht aus. Funktion und Wirkung beschreiben lediglich unterschiedliche Ebenen derselben Gestaltung.

Die Verbindung von Architektur, Design und Neuroästhetik eröffnet deshalb keine völlig neue Disziplin. Sie erweitert vielmehr den Blick auf eine Frage, die Gestalter seit jeher beschäftigt: Welche Wirkung haben die Dinge, die uns umgeben? Und gibt es allgemeine Prinzipien guter Gestaltung?