STUDIO CORINNA HEUSEL

Most Minimal Membrane

Über die dünnste mögliche Hülle zwischen Mensch und Natur. Die Natur ist vermutlich der ursprünglichste Aufenthaltsraum des Menschen. Hier entstand das Nervensystem. Hier entstanden die Rhythmen, Geräusche, Lichtverhältnisse…

Visualisierung

Über die dünnste mögliche Hülle zwischen Mensch und Natur.

Die Natur ist vermutlich der ursprünglichste Aufenthaltsraum des Menschen.

Hier entstand das Nervensystem. Hier entstanden die Rhythmen, Geräusche, Lichtverhältnisse und Bewegungen, auf die der Organismus bis heute reagiert.

Gleichzeitig besitzt der Mensch ein ebenso tiefes Bedürfnis nach Schutz.

Fast jedes Lebewesen baut sich eine Form von Hülle. Ein Nest. Einen Bau. Eine Höhle. Einen Unterschlupf.

Auch Architektur beginnt mit diesem Impuls.

Sie schafft eine Grenze zwischen Innen und Außen. Einen Ort, der Schutz bietet und gleichzeitig Zugehörigkeit ermöglicht. Einen Ort, der als das Eigene erlebt werden kann.

Die interessante Frage ist deshalb nicht, ob wir bauen sollten.

Die interessantere Frage lautet:

Wie viel Hülle braucht ein Mensch eigentlich?

Das Tropenhaus.

In tropischen Regionen lässt sich etwas beobachten, das diese Frage besonders sichtbar macht.

Dort existieren vielerorts Bauweisen, die mit einer erstaunlich dünnen Trennung zwischen Mensch und Umwelt arbeiten.

Die Luft bewegt sich frei durch die Räume.

Geräusche gelangen nach innen.

Das Licht verändert den Raum im Laufe des Tages.

Der Regen ist hörbar.

Der Wald ist spürbar.

Die Umgebung bleibt Teil des Erlebens.

Die Architektur funktioniert hier weniger als Abschottung, sondern eher als Membran.

Sie schützt, ohne vollständig zu trennen.

Und doch lässt sich beobachten, wie genau diese Qualitäten zunehmend verschwinden.

Mit dem internationalen Tourismus werden oft auch bestimmte Vorstellungen davon exportiert, wie ein modernes Haus auszusehen hat.

Geschlossene Fenster.

Klimatisierte Innenräume.

Maximale Kontrolle.

Maximale Trennung.

Maximale Vorhersagbarkeit.

Das ist nachvollziehbar. Viele dieser Lösungen entstehen aus Gewohnheit. Aus Komfort. Aus einem Verständnis von Qualität, das über Jahrzehnte geprägt wurde.

Gleichzeitig entsteht dabei ein seltsamer Widerspruch.

Menschen reisen an Orte, deren größte Qualität in ihrer unmittelbaren Nähe zur Natur liegt, und beginnen genau diese Nähe zu reduzieren.

Der Wald bleibt draußen.

Der Regen bleibt draußen.

Die Geräusche bleiben draußen.

Die Luft bleibt draußen.

Am Ende ähnelt die Erfahrung oft stärker dem Zuhause, das man verlassen hat, als dem Ort, den man eigentlich erleben wollte.

Was das Nervensystem sucht.

Die Neuroästhetik beschäftigt sich mit der Frage, wie Umgebungen auf Gehirn und Nervensystem wirken.

Dabei zeigt sich immer deutlicher, dass Menschen auf bestimmte Eigenschaften natürlicher Umgebungen bemerkenswert konsistent reagieren.

Tageslicht.

Natürliche Materialien.

Organische Formen.

Ausblicke.

Tiefe.

Bewegung.

Rhythmus.

Veränderung.

Diese Qualitäten werden häufig als angenehm, beruhigend oder belebend empfunden.

Nicht unbedingt, weil sie schöner sind.

Sondern möglicherweise, weil sie vertraut sind.

Das Nervensystem entwickelte sich nicht in vollständig kontrollierten Umgebungen. Es entwickelte sich in einer Welt, die ständig in Bewegung war.

Wetter wechselte.

Licht veränderte sich.

Geräusche kamen und gingen.

Die Umgebung war lebendig.

Vielleicht erklärt genau das, warum viele Menschen Erholung nicht nur in Komfort finden, sondern auch in Verbindung.

Die Hülle als Designentscheidung.

Most Minimal Membrane beschreibt deshalb weniger einen Baustil als eine Haltung.

Die Frage lautet nicht, wie wenig Architektur möglich ist.

Die Frage lautet:

Wie viel Trennung ist tatsächlich notwendig?

Jede Wand.

Jeder Vorhang.

Jede Fassade.

Jede technische Schicht zwischen Mensch und Umwelt erfüllt einen Zweck.

Doch jede Schicht verändert auch die Beziehung zur Umgebung.

Design bedeutet deshalb nicht nur, Dinge hinzuzufügen.

Manchmal bedeutet Design auch, bewusst etwas wegzulassen.

Eine Sichtachse freizuhalten.

Ein Fenster größer zu machen.

Mehr Tageslicht zuzulassen.

Natürliche Materialien sichtbar zu lassen.

Den Wechsel der Jahreszeiten wahrnehmbar zu machen.

Die Umgebung nicht vollständig auszublenden.

Ein Filter, keine Festung.

Most Minimal Membrane versteht die gebaute Umwelt nicht als Gegenpol zur Natur.

Sie versteht sie als Vermittlerin.

Eine gute Hülle trennt nicht vollständig.

Sie filtert.

Sie schützt vor dem, was belastet.

Und lässt gleichzeitig möglichst viel von dem hindurch, was nährt.

Vielleicht liegt genau darin eine interessante Aufgabe für Gestaltung.

Nicht immer neue Schichten zwischen Mensch und Umwelt zu legen.

Sondern genauer zu beobachten, welche davon tatsächlich gebraucht werden.

Denn die Natur ist nicht nur eine Kulisse.

Sie ist die Umgebung, für die unser Nervensystem entstanden ist.

Und manchmal beginnt gutes Design mit einer überraschend einfachen Frage:

Wie dünn könnte die Membran sein?