Warum ein großer Raum nicht immer großzügig wirkt

Offene Grundrisse stehen für Großzügigkeit.
Kochen, Essen und Wohnen gehen ineinander über. Wände verschwinden, Blickachsen werden länger, Tageslicht kann weit in den Raum fallen.
Und trotzdem entsteht in großen offenen Räumen manchmal ein bedrückendes Gefühl: Der Raum ist schön, aber man weiß nicht so recht, wo man sein möchte.
Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen großzügig und gemütlich.
Gemütlichkeit entsteht nicht unbedingt durch mehr Dinge, weichere Kissen oder wärmere Farben. Sie hat auch mit räumlicher Orientierung zu tun. Mit dem Gefühl, innerhalb eines größeren Raumes einen kleineren Bereich zu finden, der eine bestimmte Funktion und Atmosphäre besitzt.
Einen Ort zum Essen.
Einen Ort zum Arbeiten.
Einen Ort zum Zurückziehen.
We are a wall-hugging species
In ihrem Buch Cognitive Architecture beschreiben Ann Sussman und Justin B. Hollander den Menschen als eine „wall-hugging species“.
Dahinter steht das Prinzip der Thigmotaxis: die Tendenz, sich an Kanten und Begrenzungen zu orientieren.
Aus neuroästhetischer Perspektive ist dieser Gedanke interessant, weil er eine mögliche Erklärung dafür liefert, warum vollkommen offene Flächen nicht automatisch als angenehm empfunden werden.
Menschen suchen nicht nur Weite.
Sie suchen ebenso Begrenzung.
Übersicht und Rückzug.
Prospect and Refuge.
Ein Raum kann deshalb gleichzeitig offen bleiben und trotzdem kleinere, wahrnehmbare Räume in sich tragen.
Visuelle Zonen statt Wände

Dafür müssen nicht zwangsläufig neue Wände gebaut werden.
Auch visuelle Gestaltung kann Grenzen erzeugen.
Ein großes Artwork kann eine Wandfläche definieren und damit einem Bereich eine Identität geben. Zwei unterschiedliche Artworks können in einem offenen Grundriss zwei unterschiedliche Zonen markieren: eines gehört zum Essbereich, das andere zum Wohnbereich.
Der Grundriss bleibt unverändert.
Aber die Wahrnehmung des Raumes verändert sich.
Dasselbe lässt sich mit Licht erreichen.
Über einem Esstisch kann eine gerichtete Leuchte einen klaren Mittelpunkt schaffen. Der Tisch wird zur Insel im Raum.
Im Wohnbereich kann dagegen indirektes, niedrigeres Licht eine ruhigere Zone entstehen lassen. Eine Steh- oder Bodenleuchte zieht den wahrgenommenen Raum nach unten und schafft am Abend eine kleinere Lichtkammer innerhalb des großen Raumes.
Auch ein Teppich funktioniert wie eine visuelle Grenze.
Er sagt nicht sichtbar: Hier beginnt ein neuer Raum.
Und trotzdem versteht das Auge genau das.
Think Winter Garden
An der Außenkante des Raumes gilt ein anderes Prinzip.
Hier muss nicht stärker abgegrenzt werden. Im Gegenteil.
Die Membran zwischen gebauter und gewachsener Umgebung darf möglichst dünn erscheinen.
Große Fenster sollten deshalb nicht zwangsläufig durch zusätzliche Gestaltung überlagert werden. Pflanzen können den Übergang sogar unterstützen: ein niedriges Pflanzen-Sideboard vor einem Fenster, unterschiedliche Blattformen, Licht und Schatten.
Think Winter Garden.
Während im Inneren des Raumes Zonen entstehen, darf sich der Raum nach außen öffnen.
So entsteht ein interessantes Wechselspiel:
nach innen Geborgenheit, nach außen Verbindung.
Ein Raum im Raum
Vielleicht lässt sich daraus ein einfaches Gestaltungsprinzip ableiten.
Je größer und offener ein Raum wird, desto wichtiger wird seine innere Gliederung.
Nicht unbedingt architektonisch.
Sondern wahrnehmbar.
Artworks definieren Wandflächen.
Licht definiert Atmosphäre.
Teppiche definieren Bodenflächen.
Pflanzen begleiten den Übergang zur gewachsenen Umgebung.
So entstehen unterschiedliche Räume, ohne neue Wände einzuziehen.
Der Wohnbereich kann dadurch fast zu einem kleinen Kokon innerhalb des größeren Raumes werden: visuell begrenzt, ruhiger beleuchtet und klar als Rückzugsort lesbar.
Der Essbereich bleibt dagegen offener, heller und aktiver.
Beide gehören zum selben Raum.
Aber sie fühlen sich nicht gleich an.
Gemütlichkeit als Orientierung
Vielleicht lässt sich Gemütlichkeit deshalb weniger über einen bestimmten Interior-Stil definieren als über ein Gefühl:
Hier ist mein Platz.
Ein Raum wird gemütlich, wenn er nicht nur Fläche anbietet, sondern Orte.
Wenn er dem Auge Orientierung gibt.
Wenn es Bereiche gibt, an denen man sich niederlassen möchte.
Und wenn zwischen Offenheit und Begrenzung eine Balance entsteht.
Gerade für visuelle Gestaltung ist das interessant. Denn nicht jede räumliche Aufgabe muss mit Architektur beantwortet werden.
Manchmal reicht es, dem Auge zu zeigen, wo ein Raum beginnt – und wo innerhalb dieses Raumes ein neuer entsteht.